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Fahrdorf und die Haddebyer Kirche           (Gerhard Plath)

Quelle: Fahrdorfer Chronik von 1994, (S. 110-118) 

 

"Die Kirche soll man im Dorfe lassen"- so lautet ein bekanntes Sprichwort. Die Planer der Haddebyer Kirche haben dieses Sprichwort offenbar nicht gekannt oder vielleicht nicht beachtet. Auf jeden Fall fragten sich die Menschen im Kirchspiel Haddeby bis in unser Jahrhundert hinein, warum gerade in der Nähe der alten Siedlung Haddeby die Kirche erbaut wurde und nicht in einer der Dorfschaften des Kirchenspiels. Sie konnten keine Antwort finden und dachten sich deshalb folgende Sage aus, mit der sie den Standort der Kirche begründeten: In Fahrdorf sollte eine Kirche auf dem Kar(k)berg gebaut werden, doch trugen die Unterirdischen in jeder Nacht wieder ab, was die Menschen am Tage zuvor errichtet hatten. Da merkten die Fahrdorfer, dass sie am falschen Platze bauten. Sie beschlossen, einen anderen Bauplatz zu suchen, indem sie zwei Kühe zusammenbanden und am Abend laufen ließen. Am anderen Morgen lagen die Kühe am Platz der Haddebyer Kirche, und so wurde dort gebaut.


Das Kirchenspiel Haddeby
Diese Geschichte hat mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun, zeigt aber deutlich, welche Rätsel die Standortwahl den Menschen aufgab. Die Dörfer jedoch, in denen man eine Kirche hätte bauen können, gab es zum Zeitpunkt des Baubeginns noch nicht, vielmehr ging es darum, für die Bevölkerung rund um die Schlei bis zur Eider eine eigene kirchliche Verwaltung zu schaffen. So entstanden die Kirchspiele, die mit ihren Gotteshäusern den weitverstreut wohnenden Gläubigen einen angemessenen Raum bieten sollten.
Die Kirche in diesem Kirchspiel, die Haddebyer Kirche, hatte also nie die Funktion einer Dorfkirche, wie das in umliegenden Gemeinden der Fall war (Kropp, Kosel, Treia), sondern sie war der "religiöse" Mittelpunkt des Kirchspiels. "Das ausgedehnte Kirchspiel erstreckt sich vom Südufer der innersten Schlei und beiderseits des Haddebyer und Selker Noors landeinwärts: nach O[sten] und S[üden] in die von Mooren durchsetzte Grund- und Endmoränenlandschaft nordwestlich der Hüttener Berge, nach W[esten] über sandiges Geestland bis zur Niederung der Rheider Au.“
Knapp 400 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung Fahrdorfs (1575) bereits wurde die Haddebyer Kirche gebaut: Die Datierung "um 1200" ist allgemein anerkannt. Eine Kirchenstruktur für die gesamte Region existierte also schon lange, bevor wir überhaupt von einer dörflichen Struktur reden können.
Die Geschichte der Haddebyer Kirche bis zum Entstehen der Gemeinde Fahrdorf nachzuzeichnen, soll nicht Aufgabe dieser Chronik sein, dies ist an anderer Stelle bereits ausführlich geschehen. Wir beschränken uns deshalb auf wenige Grunddaten, die für ein Verständnis der Gesamtentwicklung notwendig sind.
Der Bauplatz für die Kirche war für die Bewohner am südlichen Schleiufer im Vergleich zur anderen Bevölkerung des Kirchspiels äußerst günstig gewählt: Sie war leicht erreichbar, während viele andere Gläubige vielfach eine mehrstündige Fahrt durch unwegsames und unerschlossenes Gelände hinter sich bringen mussten, um am Gottesdienst teilnehmen zu können. Sicherlich hat die vergleichsweise "gute" Infrastruktur des Bauplatzes die Entscheidung, die Kirche des Kirchspiels in Haddeby zu errichten, maßgeblich beeinflusst. Die Siedlung in Haddeby war schon vor der Christianisierung durch den Missionsbischof Ansgar (seit 831) ein bedeutender Handelsplatz gewesen, insofern auch gut erschlossen. Gegen Ende des Jahrtausends war die Bedeutung des Handelsumschlagplatzes zurückgegangen, Schleswig übernahm mehr und mehr die Aufgabe, die einmal Haddeby gehabt hatte. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Haddebyer Kirche gleichsam die Funktion eines Außenpostens oder auch Vorortes von Schleswig, vergleichbar der Kirche St. Michaelis. Auch die Nähe zu den heidnischen Gottesstätten in und um Haithabu, zu denen ein Gegenpol errichtet werden musste, ist als Grund für die Standortwahl zu nennen. Kirchengeschichte wurde in Schleswig gemacht, dem Zentrum kirchlichen Geschehens in den nächsten Jahrhunderten. Die St. Andreas-Kirche (päpstliche Weihung 1399 und 1418) bekam ihren Namen nach dem Heiligen Andreas, dem jüngeren Bruder des Apostels Petrus. Sie übernahm für viele Jahrhunderte die Rolle eines regionalen Kulturträgerzentrums, das dazu diente, als geistlicher Mittelpunkt eines Kirchspiels (Pfarrsprengel) kirchliche und auch politische Verhältnisse zu festigen.