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Fahrdorf und die Haddebyer Kirche           (Gerhard Plath)

Quelle: Fahrdorfer Chronik von 1994, (S. 110-118) 

 

"Die Kirche soll man im Dorfe lassen"- so lautet ein bekanntes Sprichwort. Die Planer der Haddebyer Kirche haben dieses Sprichwort offenbar nicht gekannt oder vielleicht nicht beachtet. Auf jeden Fall fragten sich die Menschen im Kirchspiel Haddeby bis in unser Jahrhundert hinein, warum gerade in der Nähe der alten Siedlung Haddeby die Kirche erbaut wurde und nicht in einer der Dorfschaften des Kirchenspiels. Sie konnten keine Antwort finden und dachten sich deshalb folgende Sage aus, mit der sie den Standort der Kirche begründeten: In Fahrdorf sollte eine Kirche auf dem Kar(k)berg gebaut werden, doch trugen die Unterirdischen in jeder Nacht wieder ab, was die Menschen am Tage zuvor errichtet hatten. Da merkten die Fahrdorfer, dass sie am falschen Platze bauten. Sie beschlossen, einen anderen Bauplatz zu suchen, indem sie zwei Kühe zusammenbanden und am Abend laufen ließen. Am anderen Morgen lagen die Kühe am Platz der Haddebyer Kirche, und so wurde dort gebaut.


Das Kirchenspiel Haddeby
Diese Geschichte hat mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun, zeigt aber deutlich, welche Rätsel die Standortwahl den Menschen aufgab. Die Dörfer jedoch, in denen man eine Kirche hätte bauen können, gab es zum Zeitpunkt des Baubeginns noch nicht, vielmehr ging es darum, für die Bevölkerung rund um die Schlei bis zur Eider eine eigene kirchliche Verwaltung zu schaffen. So entstanden die Kirchspiele, die mit ihren Gotteshäusern den weitverstreut wohnenden Gläubigen einen angemessenen Raum bieten sollten.
Die Kirche in diesem Kirchspiel, die Haddebyer Kirche, hatte also nie die Funktion einer Dorfkirche, wie das in umliegenden Gemeinden der Fall war (Kropp, Kosel, Treia), sondern sie war der "religiöse" Mittelpunkt des Kirchspiels. "Das ausgedehnte Kirchspiel erstreckt sich vom Südufer der innersten Schlei und beiderseits des Haddebyer und Selker Noors landeinwärts: nach O[sten] und S[üden] in die von Mooren durchsetzte Grund- und Endmoränenlandschaft nordwestlich der Hüttener Berge, nach W[esten] über sandiges Geestland bis zur Niederung der Rheider Au.“
Knapp 400 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung Fahrdorfs (1575) bereits wurde die Haddebyer Kirche gebaut: Die Datierung "um 1200" ist allgemein anerkannt. Eine Kirchenstruktur für die gesamte Region existierte also schon lange, bevor wir überhaupt von einer dörflichen Struktur reden können.
Die Geschichte der Haddebyer Kirche bis zum Entstehen der Gemeinde Fahrdorf nachzuzeichnen, soll nicht Aufgabe dieser Chronik sein, dies ist an anderer Stelle bereits ausführlich geschehen. Wir beschränken uns deshalb auf wenige Grunddaten, die für ein Verständnis der Gesamtentwicklung notwendig sind.
Der Bauplatz für die Kirche war für die Bewohner am südlichen Schleiufer im Vergleich zur anderen Bevölkerung des Kirchspiels äußerst günstig gewählt: Sie war leicht erreichbar, während viele andere Gläubige vielfach eine mehrstündige Fahrt durch unwegsames und unerschlossenes Gelände hinter sich bringen mussten, um am Gottesdienst teilnehmen zu können. Sicherlich hat die vergleichsweise "gute" Infrastruktur des Bauplatzes die Entscheidung, die Kirche des Kirchspiels in Haddeby zu errichten, maßgeblich beeinflusst. Die Siedlung in Haddeby war schon vor der Christianisierung durch den Missionsbischof Ansgar (seit 831) ein bedeutender Handelsplatz gewesen, insofern auch gut erschlossen. Gegen Ende des Jahrtausends war die Bedeutung des Handelsumschlagplatzes zurückgegangen, Schleswig übernahm mehr und mehr die Aufgabe, die einmal Haddeby gehabt hatte. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Haddebyer Kirche gleichsam die Funktion eines Außenpostens oder auch Vorortes von Schleswig, vergleichbar der Kirche St. Michaelis. Auch die Nähe zu den heidnischen Gottesstätten in und um Haithabu, zu denen ein Gegenpol errichtet werden musste, ist als Grund für die Standortwahl zu nennen. Kirchengeschichte wurde in Schleswig gemacht, dem Zentrum kirchlichen Geschehens in den nächsten Jahrhunderten. Die St. Andreas-Kirche (päpstliche Weihung 1399 und 1418) bekam ihren Namen nach dem Heiligen Andreas, dem jüngeren Bruder des Apostels Petrus. Sie übernahm für viele Jahrhunderte die Rolle eines regionalen Kulturträgerzentrums, das dazu diente, als geistlicher Mittelpunkt eines Kirchspiels (Pfarrsprengel) kirchliche und auch politische Verhältnisse zu festigen.


Das Kirchspiel im Machtgefüge zwischen dem Amt Gottorf, dem Domkapitel und dem St. Johanniskloster

Bis ins 16. Jahrhundert wurde die Bindung an den Schleswiger Dom immer enger, bis schließlich Christian I. als Schleswiger Herzog im Jahre 1416 das Patronatsrecht an der Kirche dem Domkapitel übertrug. Im Jahre 1524 begann mit dem Zuzug des "Presters to Haddebui" Johann Johnsen ein völlig neuer Abschnitt in der Geschichte der Haddebyer Kirche, die auch für die Bewohner des Kirchspiels erhebliche Auswirkungen hatte: Das Adlige Damenstift St. Johannis(101), Besitzer umfangreicher Ländereien, zu denen auch große Teile des Kirchspiels Haddeby gehörten, sollte eine geistliche Betreuung durch einen Priester erhalten, der auch für die Gläubigen des Kirchspiels, d.h. auch für die Haddebyer Kirche zuständig war. Wahrscheinlich mit Zustimmung des Domkapitels wurden die Predigtämter an St. Johannis (Damenstift) und St. Andreas (Haddebyer Kirche) miteinander verbunden. Erster Prediger wurde Johann Johnsen, der eine Wohnung auf dem Holm bezog und sich auch als Holmer bezeichnete. Die Tatsache, dass eine solche organisatorische Verknüpfung der Predigerstellen immerhin doch 250 Jahre Bestand haben und man folglich von einer doch kontinuierlichen Betreuung der Gläubigen ausgehen sollte, täuscht darüber hinweg, dass es in diesen Jahren häufig zu Auseinandersetzungen und Streitigkeiten kam, die von Egoismus, Missgunst, Eigensinnigkeit und Machterhalt zeugen. Häufig sind gerade solche Konflikte aktenkundig gemacht worden, vom ruhigeren Gemeindeleben dagegen existieren weniger Zeugnisse. Grund für diese Auseinandersetzungen ist in dem komplizierten Machtgefüge zu sehen, das diese Organisationsform stützte oder auch aufzulösen suchte.
Ein eindrucksvolles Zeugnis jener Zeit ist ein Visitationsbericht des Gottorfer Generalsuperintendenten Jacob Fabricius.

"Haddeby (17. Febr. 1634)

Dn. Pastor: Nicolaus Ruse, Küster: Eitmann Reimers. Von Wrögern und NäHrringen weiß man nichts; Gildebrüder hat man wohl, wie der Herr Pastor scherzweise sagt. Vor der Predigt kommt man zum Theil nicht zur Kirche. Pastor predigt am Sonntage Esto mihi nicht, wie es die Kirchenordnung vorschreibt, von Christi Taufe, an welcher Historie uns doch zum Allerhöchsten gelegen. 1636 geschieht es endlich.
Die Menge der Gevattern sagt Pastor gar wundersam, stehe zu der Leute Gefallen; und es sollen derer oft so viel sein, daß er durch die Menge kaum zur Taufstelle durchkommen kann (12, 14, 16, ja 18, 20, 24). 1635 ist befohlen nur 7 zuzulassen. Taufe vor der Predigt, wenn sie sich aber durch kalte Schale oder warm Bier aufhalten lassen, nach der Predigt, sobald der Pastor von der Kanzel kommt. Kindelbier mit großer Weitläufigkeit.
Beicht am Sonntag Morgen. Pastor selbst sagt, es wäre besser am Sonnabend. Resp. der Knecht, der seines Herrn Willen weiß etc.
Offenbare Buße wird nicht gehalten, unter dem Vorwande, daß es zuvor nicht geschehen, aber jetzt noch zu Eckernförde und Schleswig nicht.
Steht ad referendum. 1635 geschiehts doch nicht, aber dazu verpflichtet. 1636 Anfang damit gemacht.
Eheleute werden im Hause copulirt. Ueberhaupt hat der Herr Superintendent bei diesem ganzen Gespräch kein einziges gründliches Wort bekommen, sondern nur weitläufige effusion, und seine vornehmste Entschuldigung ist Berufung auf andere Exempel. Schule wird hier nicht gehalten, sondern an andern gelegenen Orten nach des Herrn Pastor Bericht. Hat aber damit eine schlechte Bewandtniß. Ein gewisser Hans Reimer zu Steckswig, Klostermann,wird beschuldigt:
1) daß er nach dem Abendmahl hinter dem Altar die Hostie aus dem Munde in das Schnupftuch gespieen habe, welches Claus Hammers auf
dem Holm in Schleswig, so damals zu Haddebuy mit communicirt, gesehen, und solches annoch bezeugen soll, auch vor der Priorin
öffentlich zugestanden.
2) Daß er 1627 mit einem Manne aus Borgwedel bei Lichte des Abends und beim Bier Brüderschaft gemacht. Als das geschehen, ging das Licht von selbst aus, und Reimer gab dem Andern etwas in die Hand, was lebendig und vierfüßig gewesen. Da Letztrer geschrien und gesagt: 0 Herr Gott, Hans will mich nun zaubern lehren, hat man Licht angezündet, Reimer aber ist aus der Thüre entwischt. Bei Licht hat man einige graue Pferdehaare gefunden.
3) Daß er noch 20 Jahre als eine durch Zauberei berüchtigte Person bekannt sei, wie die alte Priorin Elisabeth Reventlow berichtet. Solch Aergerniß muß abgeschafft werden.
Im Kloster gehen die Jungfrauen nicht auf eine Zeit zum Abendmahl, sondern bei 2, 3, 4 etc. Es sollen Wiedertäufer hier sein. Des Einen Kinder kommen zum Abendmahl. Pastor erinnert, sie zu fragen, ob sie getauft seien. Pastor sagt, daß mehrere Todtschläger sind, die nicht bestraft werden, weil das Kloster kein Halsgericht hat. Mit dem Kirchhoftrotz vorhergegangener Erinnerung. Man giebt vor, man könne von J. F. G. kein Holz erlangen.
Und damit wird ohne Zweifel Superintendent seine 46jährige Visitation im Namen der heil. Dreifalt. beschließen, von Herzen wünschend, die nach ihm Kommenden, denen vielleicht diese Handleistung und Nachrichtung dienlich sein könnte, mögens viel tausendmal besser machen. Kaum können sie es besser meinen, aber besser zu thun, stehet in Gottes Gewalt."
Obwohl das Patronatsrecht, d. h. das Besetzungsrecht von Prediger- und Küsteramt, beim Kloster (zuständig für die Dörfer Fahrdorf, Loopstedt, Stexwig, Borgwedel, Jagel, Lottorf, Geltorf und Esprehm) lag, nahm das Domkapitel weiterhin Einfluß auf die Benennung der Prediger. Der Amtmann des Amtes Gottorf dagegen, zuständig für westlich gelegene Teile des Kirchspiels (Busdorf, Oberselk, Groß- und Kleindannewerk), war bemüht, den kirchlichen Einfluß zugunsten weltlicher Institutionen zu beschneiden. Die Gemeindemitglieder des Kirchspiels dagegen richteten ihre Vorliebe auf die Institutionen, deren Regelungen, insbesondere die finanziellen Forderungen, für sie am günstigsten zu sein schienen. Leidtragende dieses Machtstreites waren die Prediger, die -von den einen akzeptiert, von anderen abgelehnt – häufig resigniert in andere Teile des Landes abwanderten. Insofern hat das, was Generalsuperintendent M. Jacobus Fabricius 1629 eigenhändig in das Kirchen(rechnungs)buch geschrieben hat, übergeordnete Bedeutung: "Averst tho Haddebüe deit ein Jeder wat he will."
Neben dem Pastor prägte der Küster das Bild der Kirche jener Jahre auf mehrfache Weise. Er unterstützte den Pastor bei seinen religiösen Handlungen, war gleichzeitig der Hausmeister für das Kirchengebäude und unterrichtete insbesondere die Busdorfer Kinder.
Im 18. Jahrhundert schließlich kam es zur Trennung der Predigtämter St. Andreas und St. Johannis. Der Herzog zog das Patronatsrecht wieder an sich, er präsentierte den Gemeindemitgliedern anlässlich der anstehenden Pastorenwahlen in der Regel drei Kandidaten zur Auswahl. Die Vorstellungen der Klosterverwaltung hatten mehr oder weniger empfehlenden Charakter. Da Interessenkonflikte nicht ausblieben, wurden 1762 Verhandlungen über eine Trennung der Predigtämter aufgenommen. Es dauerte immerhin fünf Jahre, bis auf königlichen Befehl hin die Trennung vollzogen wurde. Fortan wohnte der Pastor für das Kirchspiel Haddeby im neuen Pastorat in Busdorf; Fahrdorf war als Standort für das Pastorat nie im Gespräch. Des Klosters Bequemlichkeit sei dem Seelenheil der Gemeinde nicht vorzuziehen, so lautete die Begründung für diese Entscheidung, die bis in die Gegenwart Bestand hat.
Der Pastor erhielt bis zum Jahre 1898 (Pfarrerbesoldungsgesetz) kein Gehalt im heutigen Sinne, seine "Intraden" (Einkünfte) setzten sich zusammen einerseits aus den Geld-Abgaben der Gemeindemitglieder und zum anderen aus Naturalien, die die Einwohner des Kirchenspiels nach einem komplizierten Schlüssel zu liefern hatten. Nicht nur der Pastor beanspruchte solche Abgaben, auch die Kirchengemeinde Haddeby selbst war mit einem Drittel beteiligt. Das letzte Drittel wurde an das Domkapitel abgeführt. Die einzelnen Abgaben wurden akribisch in einem Rechnungsbuch festgehalten, wobei es nicht nur in Fahrdorf immer wieder Bürger gab, die sich der Abgabenordnung zu widersetzen suchten. Zur Finanzverwaltung standen dem Pastor weitere Gemeindemitglieder zur Seite (zumeist vier). Diese vertraten paritätisch den klösterlichen und den königlichen Verwaltungsbereich. Über das Gemeindeleben liegen nur spärliche Dokumente vor. Von um so größerer Bedeutung ist deshalb das Andachtsbuch der Catharina Hagge aus Loopstedt aus dem Jahre 1832. Ihr Manuskript "Sprüche, Gesänge und Aufsätze, aufgeschrieben von Catharina Hagge in Loopstedt 1832" spiegelt eine sicherlich nicht alltägliche Frömmigkeit wider, von der andere Gemeindemitglieder und deren Verhaltensweisen, wie eindrucksvoll belegt, weit entfernt sind.
"Das Heil machen, ist eben das Heil bringen. Der Herr hat uns das Heil gebracht, "indem er uns heil gemacht.
Heiland heißt
1. Er macht uns heil
2. Er führt uns zum Heil".
An anderer Stelle heißt es:
"Störe niemand durch ein zu spätes Kommen und ein zu frühes Gehen.
Stehe auf, wenn das Wort Gottes und der Segen gesprochen wird.
Beuge deine Knie, wenn das Wort Jesu gesprochen wird.
Knie, wenn du das Abendmahl genießen sollst.
Bringe alles mit dir, Sorgen und Freuden, Schmerz und Betrübnis."
Im 19. Jahrhundert verlor die Kirche wegen der Stärkung staatlicher Strukturen weiter an Einfluss. Gleichwohl lässt sich aus Stellungnahmen der Pastoren im Rahmen der Gottesdienste von der Kanzel herab und aus den Aufzeichnungen in der Kirchenchronik die weiterhin bedeutsame Rolle der Kirche als Meinungsträger ablesen. Anhand bedeutsamer historischer Ereignisse macht dies Friedrich-Wilhelm Christensen in seinem Beitrag zur Busdorfer Chronik "Busdorf und die Haddebyer Kirche" eindrucksvoll deutlich. So nutzte der Haddebyer Pastor Haack seine herausragende Stellung, um 1848 gegen die dänische Politik zu argumentieren. Unterstützung erhielt er nicht von allen Seiten: Vor dem Hintergrund des Zurückdrängens kirchlicher Einflüsse wurde er 1849 entlassen, obwohl die Gemeindemitglieder ihn stützten. Auch seinem Nachfolger wurde sein anti-dänisches Verhalten zum Verhängnis. Erst Soren Bregnholm Lundt (1851) verhielt sich wieder entsprechend den dänischen Verordnungen und schloss die dänische königliche Familie erlassgemäß wieder ausdrücklich und namentlich in sein sonntägliches Fürbittengebet ein.


Die Kirche im 20. Jahrhundert

Die Aufzeichnungen von Pastor Boysen (1909-1914) über den Kriegsausbruch 1914 geben einen Eindruck davon, wie wichtig dem Kaiser die Unterstützung der Kirche für den bevorstehenden Waffengang war, von dem niemand erwartete, dass er vier Jahre andauern und den Familien unglaubliches Leid bringen würde: Am 5. August 1914 fand auf Anordnung des Kaisers ein Betgottesdienst mit 400 Gemeindemitgliedern statt, die mit 30 M Klingelbeutelgeld und 111 M Kollekte für die Angehörigen der Kriegsteilnehmer eine bis dahin unbekannte Spendenfreudigkeit zeigten. Mit zunehmender Dauer des Krieges und mit weiteren Opfern ließ sie jedoch deutlich nach.
Auch 1918 gab es mit Pastor Radeke (1915-1935) einen Geistlichen, der politischen Einfluß auf seine Gemeindemitglieder ausübte: Er bewertete, getrieben von seiner Sympathie für die alte Ordnung, die einzelnen Parteiprogramme der für die Nationalversammlung kandidierenden Parteien und deren Aussagen zur Kirche von der Kanzel aus. Eine Anzeige und scharfe Mahnungen des Schleswiger Soldatenrates hielten ihn jedoch nicht davon ab, am Wahltag, dem 19. Januar 1919, 1000 Flugblätter mit der Mahnung "Deine Kirche ist in Gefahr" zu verteilen. Die Folgen dieses Handelns sind nicht dokumentiert. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ging der Einfluss der Kirche weiter zurück. Die fragwürdige Rolle eines Teils der Geistlichkeit und ihre Unterstützung des Systems in dieser Zeit lässt sich für den Haddebyer Pastor Georg Christian Asmussen (1935-1952) nicht belegen. Im Gegenteil spricht er in seinen Aufzeichnungen über diese Zeit von dem "Terror der Partei", von einer "hemmungslosen lügenhaften Propaganda" oder von "bösen Existenzen an leitender Stelle" unter Bezug auf die SS-Truppe 'Großdeutschland'. Wörtlich heißt es: "Aber der Zusammenbruch und die Auflösung waren da. Gott sei Dank, dass die Kapitulation noch zustande kam, bevor der offenbar bereits angesetzte Luftangriff auf Schleswig und Flensburg zur Ausführung kam."
Sehr viele Kirchenmitglieder scheinen sich von der Gemeinde jedoch nicht abgewendet zu haben, obwohl eine zunehmende Distanzierung auch von Pastor Asmussen registriert wurde. Besonders Lehrer hielten dem öffentlichen Druck nicht stand und erklärten ihren Kirchenaustritt.

"Der britische Rundfunk machte bekannt, wir Deutschen sollten hungern und frieren. Und dieses politische Programm hat man dann planmäßig verfolgt, allen frommen und humanen Reden zum Trotz. So ging das Vertrauen zum englischen Volk vollkommen dahin. Und doch ist ein Lichtpunkt in diesem traurigen Blick, das große Hilfswerk der Weltkirchen. Wenn auch dadurch der großen Not nicht gesteuert werden kann, so spürt man doch etwas von dem Geist Christi. Dass aber unsere Zeit einen stark eschatologischen Charakter hat, scheint mir sowohl durch die weltgeschichtlichen Ereignisse, als auch durch die ökomenische Bewegung bezeugt." 
1954 setzten erste Überlegungen zur Schaffung einer zweiten Pfarrstelle für den Bereich Haddeby Ost ein, da die Bewohnerzahl in den Gemeinden in der Nachkriegszeit durch den Zuzug von Flüchtlingen stark angestiegen war und somit eine ausreichende Betreuung der Gemeindemitglieder durch nur einen Pastor (Hartwig Alsen 1952-1956) nicht sichergestellt werden konnte. Die Zustimmung des Kirchenvorstandes war jedoch (noch) nicht zu erwirken (Abstimmungsergebnis 8:7), obwohl der Probst und das Landeskirchenamt entsprechende Bemühungen unterstützten. 1955 musste das Kirchengebäude grundlegend restauriert werden. 1958 folgte die Errichtung einer Glocke im Pastoratsgarten in Busdorf. Drei Jahre später lebten die Überlegungen zum Bau eines Pastorats in Fahrdorf wieder auf. Die zweite Pfarrstelle in Haddeby-Ost, zuständig für die Gemeinden Fahrdorf, Borgwedel, Stexwig, Geltorf, Lottorf und Selk, wurde eingerichtet und mit Pastor Irmin Barth besetzt, der zwischenzeitlich auch den pensionierten Pastor Warnke vertrat.


Der Pfarrbezirk Haddeby-Ost
Die offizielle Amtseinführung von Pastor lrmin Barth in Haddeby-Ost erfolgt am 2. Dezember 1962: Die Trennung der Aufgabenbereiche im
Kirchspiel (Haddeby-Ost und Haddeby-West) ist vollzogen. Pastor Friedrich Willert (25. Oktober 1964 bis zum Februar 1980), Pastor Christian Rüß (1. September 1980 bis Januar 1989) und seit dem 16. Dezember 1989 Pastor Ingo Gutzmann wirken in der Folgezeit im östlichen Teil des Kirchspiels, im westlichen Teil sind dies Pastor Tietz (bis 1974) und der gegenwärtige Pastor Nagel.

Auf 177.976,32 DM belaufen sich die Gesamtkosten für das im Jahre 1964 errichtete Pastorat in Fahrdorf, 1969 wird das neue Gemeindehaus errichtet (264.024,39 DM); 19 Jahre später wird ein Umbau notwendig, damit die vielfältigen Aktivitäten und Aufgaben erfüllt werden können, (212.339,94 DM). Gegenwärtig (Stand: 1. März 1993) zählt die Kirchengemeinde 1490 Mitglieder, die aktiv das Leben in Fahrdorf mitgestalten. Gottesdienste wurden bis 1992 in den Wintermonaten
im Gemeindehaus durchgeführt. Darüber hinaus finden für die Schule Reformations- und Schulanfängergottesdienste, für Kinder und Jugendliche Kinderstunden und der Konfirmandenunterricht und für die Erwachsenen monatliche Bibelstunden, Gesprächskreise, Seniorennachmittage und Chorproben statt.
Weiterhin werden die Räumlichkeiten von einer Krabbelgruppe in Zusammenarbeit mit der Familienbildungsstätte Schleswig, zur Vorbereitung und Durchführung des jährlichen Weihnachtsbasars und in der Adventszeit für ein vom Fahrdorf er Kochclub veranstaltetes Rübenmusessen genutzt.
Nachdem schon seit Mai 1970 eine Kinderstube existiert, deren Kosten sich die evangelische Kirche und die Gemeinde teilen, ist die Kirche seit 1973 Träger eines Kindergartens, der mit seinen zwei Kindergartengruppen (46 Kinder) Räumlichkeiten in der Schule nutzt. In einem Kindergartenbeirat wirken Gemeindevertreterinnen und -vertreter aus Fahrdorf und Borgwedel an der Gestaltung der Kindergartenarbeit mit.
Zur Betreuung der älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger betreibt die Kirche eine Sozialstation (vorher Gemeindeschwesternstation), die für das gesamte Amt Haddeby zuständig ist. 1994 kann die Sozialstation aus den beengten Verhältnissen im Gemeindehaus in einen von der Kirche, dem Amt Haddeby und dem Kreis Schleswig-Flensburg finanzierten Neubau umziehen. Dem amtierenden Kirchenvorstand gehören neben Pastor Gutzmann aus Fahrdorf Margarethe Hansen, Gisela Heitmann und Dirk Petersen an; im Vorstand arbeiten weiterhin mit: Susanne Heiligendorff (Selk), Irmgard Kuhlmann (Selk) und  Hansgünter Weiß (Lottorf).