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Das Kirchspiel im Machtgefüge zwischen dem Amt Gottorf, dem Domkapitel und dem St. Johanniskloster

Bis ins 16. Jahrhundert wurde die Bindung an den Schleswiger Dom immer enger, bis schließlich Christian I. als Schleswiger Herzog im Jahre 1416 das Patronatsrecht an der Kirche dem Domkapitel übertrug. Im Jahre 1524 begann mit dem Zuzug des "Presters to Haddebui" Johann Johnsen ein völlig neuer Abschnitt in der Geschichte der Haddebyer Kirche, die auch für die Bewohner des Kirchspiels erhebliche Auswirkungen hatte: Das Adlige Damenstift St. Johannis(101), Besitzer umfangreicher Ländereien, zu denen auch große Teile des Kirchspiels Haddeby gehörten, sollte eine geistliche Betreuung durch einen Priester erhalten, der auch für die Gläubigen des Kirchspiels, d.h. auch für die Haddebyer Kirche zuständig war. Wahrscheinlich mit Zustimmung des Domkapitels wurden die Predigtämter an St. Johannis (Damenstift) und St. Andreas (Haddebyer Kirche) miteinander verbunden. Erster Prediger wurde Johann Johnsen, der eine Wohnung auf dem Holm bezog und sich auch als Holmer bezeichnete. Die Tatsache, dass eine solche organisatorische Verknüpfung der Predigerstellen immerhin doch 250 Jahre Bestand haben und man folglich von einer doch kontinuierlichen Betreuung der Gläubigen ausgehen sollte, täuscht darüber hinweg, dass es in diesen Jahren häufig zu Auseinandersetzungen und Streitigkeiten kam, die von Egoismus, Missgunst, Eigensinnigkeit und Machterhalt zeugen. Häufig sind gerade solche Konflikte aktenkundig gemacht worden, vom ruhigeren Gemeindeleben dagegen existieren weniger Zeugnisse. Grund für diese Auseinandersetzungen ist in dem komplizierten Machtgefüge zu sehen, das diese Organisationsform stützte oder auch aufzulösen suchte.
Ein eindrucksvolles Zeugnis jener Zeit ist ein Visitationsbericht des Gottorfer Generalsuperintendenten Jacob Fabricius.

"Haddeby (17. Febr. 1634)

Dn. Pastor: Nicolaus Ruse, Küster: Eitmann Reimers. Von Wrögern und NäHrringen weiß man nichts; Gildebrüder hat man wohl, wie der Herr Pastor scherzweise sagt. Vor der Predigt kommt man zum Theil nicht zur Kirche. Pastor predigt am Sonntage Esto mihi nicht, wie es die Kirchenordnung vorschreibt, von Christi Taufe, an welcher Historie uns doch zum Allerhöchsten gelegen. 1636 geschieht es endlich.
Die Menge der Gevattern sagt Pastor gar wundersam, stehe zu der Leute Gefallen; und es sollen derer oft so viel sein, daß er durch die Menge kaum zur Taufstelle durchkommen kann (12, 14, 16, ja 18, 20, 24). 1635 ist befohlen nur 7 zuzulassen. Taufe vor der Predigt, wenn sie sich aber durch kalte Schale oder warm Bier aufhalten lassen, nach der Predigt, sobald der Pastor von der Kanzel kommt. Kindelbier mit großer Weitläufigkeit.
Beicht am Sonntag Morgen. Pastor selbst sagt, es wäre besser am Sonnabend. Resp. der Knecht, der seines Herrn Willen weiß etc.
Offenbare Buße wird nicht gehalten, unter dem Vorwande, daß es zuvor nicht geschehen, aber jetzt noch zu Eckernförde und Schleswig nicht.
Steht ad referendum. 1635 geschiehts doch nicht, aber dazu verpflichtet. 1636 Anfang damit gemacht.
Eheleute werden im Hause copulirt. Ueberhaupt hat der Herr Superintendent bei diesem ganzen Gespräch kein einziges gründliches Wort bekommen, sondern nur weitläufige effusion, und seine vornehmste Entschuldigung ist Berufung auf andere Exempel. Schule wird hier nicht gehalten, sondern an andern gelegenen Orten nach des Herrn Pastor Bericht. Hat aber damit eine schlechte Bewandtniß. Ein gewisser Hans Reimer zu Steckswig, Klostermann,wird beschuldigt:
1) daß er nach dem Abendmahl hinter dem Altar die Hostie aus dem Munde in das Schnupftuch gespieen habe, welches Claus Hammers auf
dem Holm in Schleswig, so damals zu Haddebuy mit communicirt, gesehen, und solches annoch bezeugen soll, auch vor der Priorin
öffentlich zugestanden.
2) Daß er 1627 mit einem Manne aus Borgwedel bei Lichte des Abends und beim Bier Brüderschaft gemacht. Als das geschehen, ging das Licht von selbst aus, und Reimer gab dem Andern etwas in die Hand, was lebendig und vierfüßig gewesen. Da Letztrer geschrien und gesagt: 0 Herr Gott, Hans will mich nun zaubern lehren, hat man Licht angezündet, Reimer aber ist aus der Thüre entwischt. Bei Licht hat man einige graue Pferdehaare gefunden.
3) Daß er noch 20 Jahre als eine durch Zauberei berüchtigte Person bekannt sei, wie die alte Priorin Elisabeth Reventlow berichtet. Solch Aergerniß muß abgeschafft werden.
Im Kloster gehen die Jungfrauen nicht auf eine Zeit zum Abendmahl, sondern bei 2, 3, 4 etc. Es sollen Wiedertäufer hier sein. Des Einen Kinder kommen zum Abendmahl. Pastor erinnert, sie zu fragen, ob sie getauft seien. Pastor sagt, daß mehrere Todtschläger sind, die nicht bestraft werden, weil das Kloster kein Halsgericht hat. Mit dem Kirchhoftrotz vorhergegangener Erinnerung. Man giebt vor, man könne von J. F. G. kein Holz erlangen.
Und damit wird ohne Zweifel Superintendent seine 46jährige Visitation im Namen der heil. Dreifalt. beschließen, von Herzen wünschend, die nach ihm Kommenden, denen vielleicht diese Handleistung und Nachrichtung dienlich sein könnte, mögens viel tausendmal besser machen. Kaum können sie es besser meinen, aber besser zu thun, stehet in Gottes Gewalt."
Obwohl das Patronatsrecht, d. h. das Besetzungsrecht von Prediger- und Küsteramt, beim Kloster (zuständig für die Dörfer Fahrdorf, Loopstedt, Stexwig, Borgwedel, Jagel, Lottorf, Geltorf und Esprehm) lag, nahm das Domkapitel weiterhin Einfluß auf die Benennung der Prediger. Der Amtmann des Amtes Gottorf dagegen, zuständig für westlich gelegene Teile des Kirchspiels (Busdorf, Oberselk, Groß- und Kleindannewerk), war bemüht, den kirchlichen Einfluß zugunsten weltlicher Institutionen zu beschneiden. Die Gemeindemitglieder des Kirchspiels dagegen richteten ihre Vorliebe auf die Institutionen, deren Regelungen, insbesondere die finanziellen Forderungen, für sie am günstigsten zu sein schienen. Leidtragende dieses Machtstreites waren die Prediger, die -von den einen akzeptiert, von anderen abgelehnt – häufig resigniert in andere Teile des Landes abwanderten. Insofern hat das, was Generalsuperintendent M. Jacobus Fabricius 1629 eigenhändig in das Kirchen(rechnungs)buch geschrieben hat, übergeordnete Bedeutung: "Averst tho Haddebüe deit ein Jeder wat he will."
Neben dem Pastor prägte der Küster das Bild der Kirche jener Jahre auf mehrfache Weise. Er unterstützte den Pastor bei seinen religiösen Handlungen, war gleichzeitig der Hausmeister für das Kirchengebäude und unterrichtete insbesondere die Busdorfer Kinder.
Im 18. Jahrhundert schließlich kam es zur Trennung der Predigtämter St. Andreas und St. Johannis. Der Herzog zog das Patronatsrecht wieder an sich, er präsentierte den Gemeindemitgliedern anlässlich der anstehenden Pastorenwahlen in der Regel drei Kandidaten zur Auswahl. Die Vorstellungen der Klosterverwaltung hatten mehr oder weniger empfehlenden Charakter. Da Interessenkonflikte nicht ausblieben, wurden 1762 Verhandlungen über eine Trennung der Predigtämter aufgenommen. Es dauerte immerhin fünf Jahre, bis auf königlichen Befehl hin die Trennung vollzogen wurde. Fortan wohnte der Pastor für das Kirchspiel Haddeby im neuen Pastorat in Busdorf; Fahrdorf war als Standort für das Pastorat nie im Gespräch. Des Klosters Bequemlichkeit sei dem Seelenheil der Gemeinde nicht vorzuziehen, so lautete die Begründung für diese Entscheidung, die bis in die Gegenwart Bestand hat.
Der Pastor erhielt bis zum Jahre 1898 (Pfarrerbesoldungsgesetz) kein Gehalt im heutigen Sinne, seine "Intraden" (Einkünfte) setzten sich zusammen einerseits aus den Geld-Abgaben der Gemeindemitglieder und zum anderen aus Naturalien, die die Einwohner des Kirchenspiels nach einem komplizierten Schlüssel zu liefern hatten. Nicht nur der Pastor beanspruchte solche Abgaben, auch die Kirchengemeinde Haddeby selbst war mit einem Drittel beteiligt. Das letzte Drittel wurde an das Domkapitel abgeführt. Die einzelnen Abgaben wurden akribisch in einem Rechnungsbuch festgehalten, wobei es nicht nur in Fahrdorf immer wieder Bürger gab, die sich der Abgabenordnung zu widersetzen suchten. Zur Finanzverwaltung standen dem Pastor weitere Gemeindemitglieder zur Seite (zumeist vier). Diese vertraten paritätisch den klösterlichen und den königlichen Verwaltungsbereich. Über das Gemeindeleben liegen nur spärliche Dokumente vor. Von um so größerer Bedeutung ist deshalb das Andachtsbuch der Catharina Hagge aus Loopstedt aus dem Jahre 1832. Ihr Manuskript "Sprüche, Gesänge und Aufsätze, aufgeschrieben von Catharina Hagge in Loopstedt 1832" spiegelt eine sicherlich nicht alltägliche Frömmigkeit wider, von der andere Gemeindemitglieder und deren Verhaltensweisen, wie eindrucksvoll belegt, weit entfernt sind.
"Das Heil machen, ist eben das Heil bringen. Der Herr hat uns das Heil gebracht, "indem er uns heil gemacht.
Heiland heißt
1. Er macht uns heil
2. Er führt uns zum Heil".
An anderer Stelle heißt es:
"Störe niemand durch ein zu spätes Kommen und ein zu frühes Gehen.
Stehe auf, wenn das Wort Gottes und der Segen gesprochen wird.
Beuge deine Knie, wenn das Wort Jesu gesprochen wird.
Knie, wenn du das Abendmahl genießen sollst.
Bringe alles mit dir, Sorgen und Freuden, Schmerz und Betrübnis."
Im 19. Jahrhundert verlor die Kirche wegen der Stärkung staatlicher Strukturen weiter an Einfluss. Gleichwohl lässt sich aus Stellungnahmen der Pastoren im Rahmen der Gottesdienste von der Kanzel herab und aus den Aufzeichnungen in der Kirchenchronik die weiterhin bedeutsame Rolle der Kirche als Meinungsträger ablesen. Anhand bedeutsamer historischer Ereignisse macht dies Friedrich-Wilhelm Christensen in seinem Beitrag zur Busdorfer Chronik "Busdorf und die Haddebyer Kirche" eindrucksvoll deutlich. So nutzte der Haddebyer Pastor Haack seine herausragende Stellung, um 1848 gegen die dänische Politik zu argumentieren. Unterstützung erhielt er nicht von allen Seiten: Vor dem Hintergrund des Zurückdrängens kirchlicher Einflüsse wurde er 1849 entlassen, obwohl die Gemeindemitglieder ihn stützten. Auch seinem Nachfolger wurde sein anti-dänisches Verhalten zum Verhängnis. Erst Soren Bregnholm Lundt (1851) verhielt sich wieder entsprechend den dänischen Verordnungen und schloss die dänische königliche Familie erlassgemäß wieder ausdrücklich und namentlich in sein sonntägliches Fürbittengebet ein.