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2.3 Die Wikinger in Haithabu und Fahrdorf

Ins volle Licht der Geschichte tritt unsere Gegend zur Zeit Karls des Großen (768-814). Sein Biograph Einhard schreibt in seinen Annalen: Im Jahre 804 sei der Dänenkönig Göttrik mit seiner Flotte und seiner gesamten Reiterei an einen Ort namens Sliesthorp im Grenzgebiet seines Reiches und Sachsens gekommen; vier Jahre später habe er den Handelsplatz Reric in Mecklenburg zerstört und die Kaufleute von dort nach Sliesthorp umgesiedelt. Ferner habe er beschlossen, die Grenze seines Reiches gegen die Sachsen durch einen Wall zu sichern.
Dieser Grenzwall, das nach den Dänen benannte Danewerk, entstand als Sperriegel an der Landenge zwischen Hollingstedt in der Eider- und Treeneniederung im Westen und Schleswig an der Schlei im Osten. Hier ließen sich alle Bewegungen auf der uralten Nord-Süd-Verbindung, dem "Heerweg", hervorragend kontrollieren. Diese Grenzlinie zwischen dem Fränkischen Reich und dem Dänemark des Mittelalters ist in den folgenden Jahrhunderten häufig umkämpft worden. Runensteine,
zu Ehren gefallener Krieger gesetzt, geben hiervon Zeugnis. Bis zum letzten deutsch-dänischen Krieg im Jahre 1864 behielt die "Chinesische Mauer des Nordens" ihre militärische Bedeutung und selbst im Zweiten Weltkrieg wurde sie teilweise zur Panzersperre ausgebaut. Bestimmend im Schleswiger Land wurde seit Beginn des 9. Jahrhunderts das aufblühende Sliesthorp. So nannten es jedenfalls die Deutschen. Haithabu oder Hedeby (Heideort) hieß es im Gegensatz dazu bei den Dänen. Die wirtschaftliche Lebensader, der Hafen mit seinen Palisaden, Schiffsstegen und Landungsbrücken lag auf heutigem Fahrdorfer Gebiet, da die Gemeindegrenze am westlichen Ufer des zu Fahrdorf gehörenden Haddebyer Noores verläuft.
Nach langjähriger Vorbereitung erfolgten den Jahren 1979-80 die Bergung eines Wikingerschiffes und eine Hafenuntersuchung. Im Wikingermuseum Haithabu werden die schwierigen Bergungs- und Untersuchungsarbeiten sowie Funde von internationaler Bedeutung in eindrucksvoller Weise präsentiert. Ein Teil unserer Geschichte ist damit seit 1985 in diesem Museum nachvollziehbar. Die Voraussetzungen für die Entstehung der Siedlung lagen in der intensiven Beziehung Nordeuropas zum Reich Karls des Großen. Exzellente Standortbedingungen, günstige politische Umstände und ein starker Aufschwung von Handel, Handwerk und Verkehr ließen Haithabu zum zentralen Fernhandelsplatz im Warenverkehr zwischen West-, Nord- und Osteuropa aufsteigen.
Während des überwiegenden Teils seiner Geschichte gehörte Haithabu zum dänischen Herrschaftsgebiet. Nur von 934-983 bestand faktisch eine deutsche Oberherrschaft über die Stadt. Durch eine nahezu hundertjährige, internationale Forschungstätigkeit liegen fundierte Kenntnisse über diese älteste frühmittelalterliche Hafenstadt im Norden Europas vor. Zur Blütezeit besaß Haithabu rund 1000 Einwohner und galt damit bei den Zeitgenossen als große Stadt, in der mehrere Sprachen gesprochen wurden. Die Einwohnerschaft, Dänen, Friesen, Sachsen, Slawen, kann man für die damalige Zeit als international, die Hafenanlagen als modern bezeichnen.
Aufgrund seiner Bedeutung war Haithabu Reiseziel für Menschen aus fernen Ländern. Über seinen Besuch in Haithabu im Jahre 965 schreibt der arabische Kaufmann und Diplomat Al-Tartuchi aus Tortosa in Spanien: "Schleswig ist eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres ... Ihre Bewohner sind Siriusanbeter, außer einer kleinen Anzahl, welche Christen sind, die dort eine Kirche besitzen ... Nie hörte ich einen häßlicheren Gesang als den der Schleswiger, und das ist ein Gebrumm, das aus ihren Kehlen herauskommt, gleich nach dem Gebell der Hunde, nur noch viehischer als dies. " Über das Scheidungsrecht
schreibt er: "Das Weib scheidet sich selbst, wann es will."
In dieser dem Araber seltsam anmutenden Handelsstadt setzte im Jahr 811 eine rege Bautätigkeit ein. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts umgab man das 24 ha große Siedlungsgelände mit einem noch heute gut sichtbaren halbkreisförmigen Wall. Mittels eines Verbindungswalls erfolgte eine Einbeziehung in das Danewerk. Der Hafen wurde durch Palisaden gesichert. Abgesehen vom Hafen liegen konkrete Aussagen über die Ausstrahlung Haithabus auf die Fahrdorfer Gemarkung nicht vor. Die Stadt dürfte aber auch für die nähere Umgebung ein wichtiger Marktplatz gewesen sein. Es ist auch schwer vorstellbar, dass das der Hafenstadt gegenüberliegende Loopstedter Ufer ungenutzt blieb. So könnte an der "Einfahrt" von der Schlei in das Haddebyer Noor zumindest ein Wachtturm gestanden haben. Vielleicht hält die Zukunft für uns noch einige Überraschungen bereit, wie die kürzliche Entdeckung von Sperranlagen in der Schlei bei der Stexwiger Enge. Auch die Entdeckung von Siedlungsresten ist vorstellbar. Sollen doch im 18. Jahrhundert auf dem Gelände oberhalb des Noor-Wanderweges Reste einer burgähnlichen Wallanlage zu sehen gewesen sein.
Das Haddebyer Noor war damals noch ein frei zugänglicher Wasserarm der Schlei, die West-Ost-Landverbindung umging das Haddebyer und Selker Noor im Süden. Eine Abkürzung kann jedoch auch über Fahrdorfer Gebiet verlaufen sein, da aufgrund des etwa 1 m niedrigeren Noorwasserspiegels eine Durchquerung der Furt zwischen dem Haddebyer und Selker Noor möglich war. Dafür sprechen auch die Hohlwege, die am östlichen Noorufer zum Land hinaufführen.